Wo ist mein Digitalien? – Versuch einer subjektiven Bestandsaufnahme

Im Rahmen der aktuellen Debatte zur #didacta scheint mir über uns Pädagogen genug geschrieben. So würde eine Bestandsaufnahme in meinem direkten Umfeld sicherlich auch nur den bestehenden Eindruck verstärken: Lehrer sind Analognerds!

Wie aber sieht eigentlich die Digitalisierung und Vernetzung unserer Schülerinnen und Schüler aus? Haben wir als Lehrer vielleicht völlig falsche oder im besten Fall gar keine Vorstellung der „digitalen Durchseuchung“ unserer Schülerinnen und Schüler?

Ich bin also heute zum Äußersten geschritten und habe den Patienten befragt (um mal ein Bild aus der Medizin zu verwenden).

Ich betone gleich vorweg, dass das Folgende lediglich das Ergebnis einer nicht repräsentativen Spontanumfrage ist. Ich erhebe keinerlei wissenschaftlichen Anspruch – das Folgende ist eine persönliche Bestandsaufnahme. Vielleicht dient sie dem ein oder anderen Leser aber als Anregung. Mir hat sie weiter geholfen.

 

Der Zufall wollte es, dass mein Stundenplan mich heute mit drei siebten Klassen in Folge in Kontakt brachte. Drei siebte Klassen eines Gymnasium in einer der unzähligen Kleinstädte unter 100.000 Einwohnern. Beste deutsche Provinz, kein Problemkiez, keine Trendsetter. Bestes bürgerliches Mittelmaß, oder wie man unter Pädagogen zu sagen pflegt: ein ruhiges Einzugsgebiet.

In der Pause kurz ausgedacht, konfrontierte ich die Schüler mit einigen Fragen nach ihrer mobilen Hardwareausstattung und deren Nutzung. Die Ergebnisse habe ich in folgender Tabelle zusammengefasst. (Die Gesamtzahl von nur 65 Schülerinnen und Schülern ergibt sich übrigens nicht durch einen glücklichen Umstand, sondern durch das Zusammentreffen von Grippewelle und Orchesterfahrt :))

 

ERgebnisse einer nichtrepräsentativen Umfrage

Ergebnisse einer nichtrepräsentativen Umfrage zu vorhandener Hardware und deren Nutzung in drei siebten Klassen

Es fällt auf, dass die Versorgung mit mobilen Endgeräten bei nahezu 100% liegt. Das bedeutet, dass jeder meiner Schüler an diesem Tag mit einem Computer ausgestattet war, der die Rechenleistung an Bord von Apollo 11 locker in den Schatten stellt.

Das Argument der hohen Kosten gegen eine digitale Öffnung des Unterrichts dürfte damit hinfällig sein. Dummerweise ist bei uns der Einsatz dieser Hardware verboten, da es sich um Handys handelt. (Mein digitaler Ungehorsam besteht seit Langem darin, die Dinger zum iPad nano mit 3G umzuwidmen und für meinen Unterricht zuzulassen. Des Weiteren stelle ich über das vorhandene LAN einen Hotspot bereit, so dass für die Schülerinnen und Schüler keine Kosten für die Netzbenutzung anfallen.)

Ein recht großer Teil der Schülerinnen und Schüler ist auf die ein oder andere Weise mit der Klasse vernetzt und nutzt diese Möglichkeit auch mit Hilfe des mobilen Endgerätes (Facebook, instant messaging, Email…). Spiele nehmen ebenfalls eine hervorgehobene Stellung ein.

Wenn es darum geht, selbst produktiv zu werden, scheinen mobile Endgerät nicht erste Wahl zu sein (dazu weiter unten mehr.) Eigenständiges Publizieren von Kontent im Internet kommt nur selten vor.

 

Die Befragung führte ich in allen drei Klassen durch. In der Klasse mit der höchsten „digitalen Durchseuchung“ ergab sich für den Rest der Stunde eine lebhafte Diskussion. (Schöne Grüße an den Lehrplan, der darf dann nächste Woche noch mal vorbei kommen.)

Der Eindruck der Befragungsergebnisse bestärkte sich im Laufe des Gesprächs. Beim Einsatz mobiler Endgeräte im Unterricht überwog in der Klasse eine konsumierende Haltung, die sich stark an bekannten Medien orientierte. Der Einsatz von eBooks wurde von den Schülerinnen und Schülern als großer Vorteil angesehen. (Der schönste Grund gegen Papierbücher: „Wenn man alle Bücher im iPad dabei hat, kann man keins mehr vergessen. Man hätte dann ja so wenig Gepäck, dass es auffallen würde, wenn das nicht da wäre. Ich gehe ja schließlich auch nicht ohne Schuhe aus dem Haus.“)

Selbstverständlich wurden Umweltaspekte und bereitzustellende Infrastruktur kontrovers und sachlich diskutiert.

Der Einsatz von Youtube für Lehrfilme wurde inklusive der rechtlichen Komponente erörtert.

Ratloser wurden die Schüler, als ich danach fragte, wie man Mobiltelefone denn sonst noch so im Unterricht einsetzen könnte, zum Beispiel zu Dokumentations- und Präsentationszwecken. Von mir genannte Beispiele (Dokumentation eines Flaschengartens über tumblr, Austausch mit ausländischen Klassen über twitter…) wurden mit großem Interesse aufgenommen. Zum Ende der Diskussion wurde vereinbart, das nächste Thema auf die ein oder andere Art der Netzöffentlichkeit zu präsentieren. (stay tuned ;))

Nachdenkenswert fand ich den abschließenden Kommentar einer Schülerin: Für sie liegt das größte Hindernis im Umgang mit digitalen Medien im unterschiedlichen Verständnis der neuen Medien von Lehrern und Schülern. Schüler würden Handys verwiegend als Spielekonsole und Freizeitkommunikationsmittel benutzen. Lehrern würde dadurch die sowieso schon neue und wenig vertraute Technik noch verdächtiger. Das wiederum würde zu einer Spaltung zwischen analoger Schulrealität und zunehmend digitalisierter Nichtschulrealität führen.

 

Interessanter Gedanke für eine Siebtklässlerin, oder?

 

 

Planende Grüße

Euer

Herr Lehrkraft