Noten sind toll ?!

Long time no see….

Es sei nur ganz kurz folgende Szene geschildert:

Man sitzt friedlich an einem der Lehrerzimmer PCs und bekommt folgendes Gespräch zwischen zwei Kollegen mit:

Sie: Der Willibald (Name selbstredend geändert) steht schriftlich und mündlich zwischen zwei und drei. Was mach ich denn jetzt?

Er: Ja, musst du entscheiden. Wie sieht’s denn schriftlich aus?

Sie: Zwei minus

Er: Na dann….

Sie: Ach, ich geb ne drei. Dann bin ich auf der sicheren Seite!

—-

Bitte, was ist das denn für ein ScheißhausBlödsinnsargument…

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Petition beim Landtag Rheinland-Pfalz

Liebe Leser,

der Ärger über das „Angebot“ digitale-schulbücher.de sitzt mir immer noch in den Knochen. Abseits aller Argumente für freie Lern- und Lehrmaterialien haben wir es hier doch mit wirtschaftlichen Interessen zu tun. Der Verband Bildungsmedien versucht, wenn ich digitale Schulbücher nutzen möchte, mir dafür eine jährliche Lizenzgebühr aus dem Kreuz zu drücken.

Gut, 8 – 13 Euro pro Jahr sind fast geschenkt, für zwei oder drei Fächer in der üblichen Lehrergehaltsklasse wahrscheinlich sowieso. Aber darum geht es mir nicht. Mein Schulträger ist verpflichtet, mir das eingeführte Arbeitsmaterial zu stellen, eben auch meine Bücher. Was da an Lizenzgebühren  zusammenkommt, kann man ja mal grob überschlagen:

Im Jahr 2011 gab es in RLP 36.174 Lehrerinnen und Lehrer. Gehen wir mal davon aus, dass jeder von denen 2 Fächer unterrichtet, na gut, Grundschullehrer/innen, Menschen mit drei Fächern, Fachfremde Musik- und Kunstlehrer, Sportlehrerinnen….. von mir aus also 2,5 Fächer.

Nach meiner Recherche fallen pro Jahreslizenz etwa 10 Euro an.

Daraus ergibt sich: 36174 Lehrer * 2,5 Fächer * 10 Euro = 904.350 €

Machen wir ne Runde Summe draus, oben haben wir auch mehrfach gerundet. Dann bleiben pro Jahr immer noch 0,9 Mio. € an Lizenzkosten für Lehrerbücher. (Die Buchgutscheine für einkommensschwache Familien hab ich einfach mal raus gelassen. Da kann gern mal jemand nachrechnen. Vielleicht liest ja auch ein interessierter Elter (cooles Wort aus der Genetik, gell…) mit und rechnet mal nach.)

Selbst bei einem höheren Preis gedruckter Bücher (bei Bio- und Chemiebüchern bewegen wir uns im Rahmen zwischen 30 und 40 Euro), werden diese oft über mehrere Jahre genutzt. Mittelstufenbücher am G9 für 4 Jahre, Oberstufenbücher für drei Jahre. Von meiner eigenen Schule weiß ich, dass Bücher gern gebraucht weiter verkauft werden, selbst in Zeiten der Schulbuchausleihe.

Für mich sieht dieses Lizenzmodell sehr danach aus, als versuchen sich die wenigen verbliebenen Schulbuchverlage noch einmal die Taschen zu füllen, der Staat zahlt ja bereitwillig. (Ja, ich weiß, es gibt auch Gründe für das Lizenzmodell, man denke nur an Arbeitshefte in Fremdsprachen…)

Ich hab gestern lange hin und her überlegt, heute in der Schule auch mal das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen gesucht (dabei mal wieder festgestellt, dass ich Außenseiter und Nerd bin ;))und war gegen Feierabend dann doch einigermaßen ratlos – wie gestern auch schon.

 

Kurzentschlossen habe ich also eine Petition beim rheinland-pfälzischen Landtag eingereicht, sich beim Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz gegen eine Zulassung dieser Medien einzusetzen. Die Argumentation habe ich dabei vornehmlich auf die wirtschaftlichen Aspekte ausgelegt. Damit stoße ich hoffetlich eher auf offene Ohren als mit „ideologischen“ und pädagogischen Argumenten.

Für diejenigen die es interessiert: Die Petition ist öffentlich. Einen entsprechenden Link werde ich nachreichen, sobald eine Nachricht an mich erfolgt ist.

Pädagogische Grüße

Herr Lehrkraft

Digitale Schulbücher – ah so….

Liebe Leser,

nachdem ich letzte Woche anhänglichen Damenbesuch hatte (Angina war da. Sie klammert so schrecklich. Wir müssen wirklich mal miteinander reden.) stürze ich mich wieder in unsere wunderbare Welt. Übers Wochenende habe ich endlich mit Teachertool die für mich ideale Verwaltungslösung für meine Hardware (iPad und Linuxlaptop) gefunden und Berge von Papier ausgemistet. (Mein Arbeitszimmer scheint schon ein bisschen größer zu sein.)

Voller Elan nehme ich also den nächsten großen Papierhaufen in Angriff: Meine Schulbücher! Ich liebe Bücher und ich mag Schulbücher. Lesen ist immer noch eine Grundlegende Zivilisationstechnik. Als Medien haben sie bei mir einen wichtigen Stellenwert. Immerhin geben die Eltern ja auch ein halbes Vermögen dafür aus und würden mir zu Recht aufs Dach steigen, wenn das gute Chemie- oder Biobuch in der Ecke verstaubte. Aber so ein EPUB-File in meinem digitalen Endgerät, das wäre was feines. (Mein Orthopäde würde mir da zustimmen)

Gut, dass eine Suche bei iBooks oder im Kindlestore jetzt nicht wirklich zum Erfolg führen würde…. aber man will ja nicht hören, dass man es nicht versucht hätte. Also: Schulbuch, iBooks, und Kindle: Essig!

Wohlan, an die Quelle lief der Knabe; ich rufe bei Schroedel an, schließlich sind die ja unter anderem für den guten alten Linder zuständig. (Übrigens hat das Ding einen eigenen Wikipediaeintrag, wie ich gerade feststelle. Cool, oder?)

 Also, ditditditditdit, tuut tuut tuut Bitte wählen sie die 3, blabla…die nette Dame vom Kundendienst meldet sich:

Ich so: Guten Tag, ich bin interessiert daran, wann der Linder als eBook rauskommt!

Sie so: Moment, da muss ich mal eben schauen.

In mir keimt erstaunte Hoffnung auf….die werden doch nicht etwa….

Sie so: Und sie sind interessiert an einer Jahreslizenz?

Ich so: Äh….ich rede von einem eBook, wozu brauch ich da ne Jahreslizenz.

Sie so: Ja, ich rede auch von einem eBook. Aber sie meinen wahrscheinlich eins wie einen Roman.

Ich so: Äh ja, was denn sonst.

Sie so: Nein das machen wir nicht. Da hat sich der Verband der Schulbuchverlage zu entschieden. Da könnten wir uns ja auch gleich abschaffen.

Ein aus dem Brustton der Überzeugung vorgetragenes „Ja“ verkneife ich mir an dieser Stelle, sondern frage tapfer nach den Konditionen. Dabei werde ich auf die Seite digitale-schulbücher.de (ja, mit „ü“) verwiesen. Da schreiben die auf der Seite doch glatt, dass es sich um eine offene Lösung handelt, weil alle beteiligten Verlage in einem einheitlichen Format veröffentlichen. Ich glaube, wir sollten uns da mal über „offene Standards“ unterhalten.Das was ihr da anbietet ist das gegenteil von offen

Zusätzlich wird eine Lizenzgebühr von 8 bis 13 Euro im Jahr fällig. Eine Lizenzgebühr, die nach geltender Rechtsprechung übrigens der Schulträger, sprich der Staat, vulgo meine Steuern, tragen müsste. Herr Minister Dorgerloh, zahlt der Verband ihnen Geld, dass sie das dulden, oder ist ihnen noch nicht aufgefallen, dass die Bildungsressorts der Länder hier um einen Riesenhaufen Geld besch…. erleichtert werden. Ich gehe gutgläubig mal von zweiter Option aus, aber sagen sie nicht, sie seien nicht drauf hingewiesen worden….

Lieber Verband der Schulbuchindustrie,

nur damit klar ist, worum es mir geht: Ich hätte lediglich gern meine Bücher in digitaler Form (schöne Grüße von meinem Orthopäden). Es geht mir nicht darum, dass ihr euch selber abschafft, die Hoffnung habe ich gar nicht. Ich will eure Bücher ja auch nicht digital raubkopieren, das ist verboten und so auch vollkommen in Ordnung. Aber auch dazu gibt es ja technische Möglichkeiten. Nennt sich DRM. Und ja, ich bin auch bereit für qualitativ gute digitale Medien Geld auszugeben. Und ihr habt nichts anderes zu tun, als die Fehler der Musikindustrie zu wiederholen, indem ihr euch an althergebrachte Geschäftsmodelle klammert und indirekt jeden Nutzer digitaler Bücher der Kriminalität bezichtigt. Schaut doch mal nach, wie es der Musikindustrie so geht…

Kapiert? Danke!

Nur so noch, nachdem meine Wut ein klein wenig verraucht ist, stöbere ich weiter auf der Seite des Verbandes für Bildungsmedien. Als ich weiterlese ist mir schnell klar, dass die es anscheinend gar nicht wollen, das digitale Schulbuch:

Da steht doch tatsächlich, dass die Bücher auf Windows- und Macrechnern laufen. (Äähm…ich war auf der Suche nach Büchern…) Ach ja richtig, Beta Testversionen für iOS und Android erscheinen 2013 auf der Didacta. Wow, ich bin beeindruckt, 2013 schon die Testversion! Großartig!

Wahrhaft großartig ist dann noch diese Studie hier, in der kostenlosem Lehrmaterial mangelnde Qualität attestiert wird. Die Studie wird übrigens vom Verband finanziert. *hust*

Ich blicke also weiter auf mein Bücherbrett, das garantiert wenigstens Qualität *doppelhust* und ich musste nur einmal dafür bezahlen. Digitalien scheint irgendwo dahinter verborgen zu sein. Weit weg…

Ratlos verstörte Grüße

Herr Lehrkraft

Wo ist mein Digitalien? – Versuch einer subjektiven Bestandsaufnahme

Im Rahmen der aktuellen Debatte zur #didacta scheint mir über uns Pädagogen genug geschrieben. So würde eine Bestandsaufnahme in meinem direkten Umfeld sicherlich auch nur den bestehenden Eindruck verstärken: Lehrer sind Analognerds!

Wie aber sieht eigentlich die Digitalisierung und Vernetzung unserer Schülerinnen und Schüler aus? Haben wir als Lehrer vielleicht völlig falsche oder im besten Fall gar keine Vorstellung der „digitalen Durchseuchung“ unserer Schülerinnen und Schüler?

Ich bin also heute zum Äußersten geschritten und habe den Patienten befragt (um mal ein Bild aus der Medizin zu verwenden).

Ich betone gleich vorweg, dass das Folgende lediglich das Ergebnis einer nicht repräsentativen Spontanumfrage ist. Ich erhebe keinerlei wissenschaftlichen Anspruch – das Folgende ist eine persönliche Bestandsaufnahme. Vielleicht dient sie dem ein oder anderen Leser aber als Anregung. Mir hat sie weiter geholfen.

 

Der Zufall wollte es, dass mein Stundenplan mich heute mit drei siebten Klassen in Folge in Kontakt brachte. Drei siebte Klassen eines Gymnasium in einer der unzähligen Kleinstädte unter 100.000 Einwohnern. Beste deutsche Provinz, kein Problemkiez, keine Trendsetter. Bestes bürgerliches Mittelmaß, oder wie man unter Pädagogen zu sagen pflegt: ein ruhiges Einzugsgebiet.

In der Pause kurz ausgedacht, konfrontierte ich die Schüler mit einigen Fragen nach ihrer mobilen Hardwareausstattung und deren Nutzung. Die Ergebnisse habe ich in folgender Tabelle zusammengefasst. (Die Gesamtzahl von nur 65 Schülerinnen und Schülern ergibt sich übrigens nicht durch einen glücklichen Umstand, sondern durch das Zusammentreffen von Grippewelle und Orchesterfahrt :))

 

ERgebnisse einer nichtrepräsentativen Umfrage

Ergebnisse einer nichtrepräsentativen Umfrage zu vorhandener Hardware und deren Nutzung in drei siebten Klassen

Es fällt auf, dass die Versorgung mit mobilen Endgeräten bei nahezu 100% liegt. Das bedeutet, dass jeder meiner Schüler an diesem Tag mit einem Computer ausgestattet war, der die Rechenleistung an Bord von Apollo 11 locker in den Schatten stellt.

Das Argument der hohen Kosten gegen eine digitale Öffnung des Unterrichts dürfte damit hinfällig sein. Dummerweise ist bei uns der Einsatz dieser Hardware verboten, da es sich um Handys handelt. (Mein digitaler Ungehorsam besteht seit Langem darin, die Dinger zum iPad nano mit 3G umzuwidmen und für meinen Unterricht zuzulassen. Des Weiteren stelle ich über das vorhandene LAN einen Hotspot bereit, so dass für die Schülerinnen und Schüler keine Kosten für die Netzbenutzung anfallen.)

Ein recht großer Teil der Schülerinnen und Schüler ist auf die ein oder andere Weise mit der Klasse vernetzt und nutzt diese Möglichkeit auch mit Hilfe des mobilen Endgerätes (Facebook, instant messaging, Email…). Spiele nehmen ebenfalls eine hervorgehobene Stellung ein.

Wenn es darum geht, selbst produktiv zu werden, scheinen mobile Endgerät nicht erste Wahl zu sein (dazu weiter unten mehr.) Eigenständiges Publizieren von Kontent im Internet kommt nur selten vor.

 

Die Befragung führte ich in allen drei Klassen durch. In der Klasse mit der höchsten „digitalen Durchseuchung“ ergab sich für den Rest der Stunde eine lebhafte Diskussion. (Schöne Grüße an den Lehrplan, der darf dann nächste Woche noch mal vorbei kommen.)

Der Eindruck der Befragungsergebnisse bestärkte sich im Laufe des Gesprächs. Beim Einsatz mobiler Endgeräte im Unterricht überwog in der Klasse eine konsumierende Haltung, die sich stark an bekannten Medien orientierte. Der Einsatz von eBooks wurde von den Schülerinnen und Schülern als großer Vorteil angesehen. (Der schönste Grund gegen Papierbücher: „Wenn man alle Bücher im iPad dabei hat, kann man keins mehr vergessen. Man hätte dann ja so wenig Gepäck, dass es auffallen würde, wenn das nicht da wäre. Ich gehe ja schließlich auch nicht ohne Schuhe aus dem Haus.“)

Selbstverständlich wurden Umweltaspekte und bereitzustellende Infrastruktur kontrovers und sachlich diskutiert.

Der Einsatz von Youtube für Lehrfilme wurde inklusive der rechtlichen Komponente erörtert.

Ratloser wurden die Schüler, als ich danach fragte, wie man Mobiltelefone denn sonst noch so im Unterricht einsetzen könnte, zum Beispiel zu Dokumentations- und Präsentationszwecken. Von mir genannte Beispiele (Dokumentation eines Flaschengartens über tumblr, Austausch mit ausländischen Klassen über twitter…) wurden mit großem Interesse aufgenommen. Zum Ende der Diskussion wurde vereinbart, das nächste Thema auf die ein oder andere Art der Netzöffentlichkeit zu präsentieren. (stay tuned ;))

Nachdenkenswert fand ich den abschließenden Kommentar einer Schülerin: Für sie liegt das größte Hindernis im Umgang mit digitalen Medien im unterschiedlichen Verständnis der neuen Medien von Lehrern und Schülern. Schüler würden Handys verwiegend als Spielekonsole und Freizeitkommunikationsmittel benutzen. Lehrern würde dadurch die sowieso schon neue und wenig vertraute Technik noch verdächtiger. Das wiederum würde zu einer Spaltung zwischen analoger Schulrealität und zunehmend digitalisierter Nichtschulrealität führen.

 

Interessanter Gedanke für eine Siebtklässlerin, oder?

 

 

Planende Grüße

Euer

Herr Lehrkraft